Saatgut ist Kulturgut

Seit unzähligen Generationen wird Gemüse, unsere Lebensgrundlage,  auf selbst bewirtschaftetem Grund und Boden kultiviert. Wir ernähren uns von den Pflanzen und lassen die schönsten und kräftigsten unter ihnen in die Blüte gehen, um Samen für die nächsten Jahre daraus zu gewinnen. Das nennt man Nachbau. Das klappt nur bei samenfesten Sorten. Dabei passt sich die Pflanze optimal an unseren Boden und unser Klima an. Dieses Wissen hatte früher jede Frau und die meisten Männer. Der Bedarf an (Heil-)Kräutern, Gemüse und Schnittblumen wurde in früheren Zeit zum größten Teil aus den Hausgärten gedeckt. Saatgut wurde als das gemeinsame Erbe der Menschheit betrachtet.

Kurze Geschichte der Saatgutzüchtung

Im 18. Jahrhundert begann die gezielte Pflanzenzucht als „Handwerksform“ und so wie die Jahrhunderte davor war die Auslesezüchtung die gängige Art der Verbesserung des Saatgutes. In Quendlinburg entstand ein Zentrum der Saatgutindustrie, die sich schon Mitte des 19 Jahrhunderts zunehmend konzentrierte (von 71 Saatgutbauern 1865 gab es 1896 noch 14 Betriebe). Im 20. Jahrhundert kam die Kreuzungszüchtung und in den 20-er Jahren die Hybridzüchtung dazu.  Diese beruht auf dem Heterosiseffekt, der bewirkt, dass die Kombination nicht miteinander verwandter, reinerbiger Inzuchtlinien zu vitaleren, größeren oder widerstandsfähigeren Nachkommen führt. Aber dieser Effekt vererbt sich nicht! Das gibt den Züchtern ein eingebautes Copyright: der Nachbau ist sinnlos. Daneben gibt es noch CMS-Hybriden bei deren Erzeugung die Cytoplastenfusion zur Anwendung kommt. Dabei wird eine gehäutete Pflanzenzelle mit der ausgehöhlten Zelle eine anderen Pflanzenart verschmolzen, die nur die Erbinformation für männliche Sterilität enthält. Die Pflanze ist dann steril. In den GVOs (gentechnisch veränderte Organismen) werden direkt Gensequenzen geändert, was hier in Europa auf große Bedenken und Widerstände stößt. Moderne Gentechnik kann aber auch zu Analysezwecken eingesetzt werden, so beim Smart Breeding, wo Gensequenzen mit Hilfe von Markern analysiert werden, um so schon im Ansatz zu sehen, ob eine Auslese oder Kreuzung den gewünschten Effekt der Genveränderung hatte und so die jahrelange Anbau und Sichtungsphase zu verkürzen. Der neue Trend der Multis geht zur Patentierung. Für den Nachbau werden Lizenzkosten fällig, das ist in der Agrarwirtschaft schon angekommen und heißt dort Z-Saatgut für zertifiziertes Saatgut. Viele Bauern weigern sich bis heute, diese Gebühr zu zahlen, seit Anfang der 90er Jahre.

Wie sieht das heute im Kleingarten aus?

Brauchen wir Hochleistungszüchtungen aus Industriefabriken? Wie können wir die Vielfalt an Nutzpflanzen erhalten?

Wir sehen heute im Baumarkt bei Tomaten, Chili, Gurken und Kürbis überwiegend F1-Hybriden im Angebot. Und das zu atemberaubenden Preisen von 5,49€ für 5 Korn der Tomate „Philovita“  F1 – eine Topmarke bei Kiepenkerl. Schaut man in die Europäische Pflanzendatenbank, so findet man De Ruiter, eine Tochterfirma von Monsanto, als Züchter dieser Sorte. Auch über die Marke Sperli werden vom Eigentümer Bruno Nebelung / Volmary viele Sorten dieses Züchters angeboten. Im Zuge der internationalen Firmenverflechtungen ist es oft schwer rauszufinden, wer hintern den alten Anbieternamen heute steckt.

In jedem Discounter locken die billigen Tüten von Salat, Radieschen und allem was das Gärtnerherz begehrt zum Schleuderpreis. Warum mehr bezahlen? Bin ich blöd? Nein, denn wenn die Radieschen schmecken sollen und dein Gaumen nicht von Tiefkühlpizza ruiniert ist, gib lieber mehr Geld aus. Die Billigware wird in China, Südafrika, der Ukraine und sonstwo unter ausbeuterischen Bedingungen hergestellt. Selektionskriterium: alles kommt in die Tüte. Nicht in meine! Ich weiß, es ist schwer an diesen Displays vorbei zu gehen…. du schaffst es.

Einfacher ist das bei den alternativen Öko-Saatgut Firmen wie Bingenheimer Saatgut AG, die viele Sorten der führenden Bio-Züchter KulturSaat e.V. und Saat:gut e.V. anbietet. Die Auswahl ist groß, der Onlineshop hat alle Infos und bietet eine gute Sortenübersicht. Die Vermehrer werden explizit genannt.

Dreschflegel ist ein Netzwerk kleiner Vermehrungs- und Zuchtbetriebe, die eine gemeinsame Vermarktung betreiben. Auch hier sieht man, aus welcher Gegend die Vermehrer kommen und kann so regionale Anbieter wählen.

VERN e.V. ist ein Verein zur Erhaltung und Renaturierung von Nutzpflanzen. In Greiffenberg wird in Tunneln und im Freiland vermehrt was das Zeug halt. Interessiert können an Saatgutkursen teilnehmen. Nett und lohnenswert! Bestellt wird noch per Email oder Post, man findet viele Tomatensorten und fast alle anderen Gemüse, im Mai ist Jungpfanzenverkauf. Also Berliner:  auf in die schöne Uckermark!

Warum nicht selbst ziehen?

Traust du dir das nicht zu, wenn du an die Züchtungsfabriken denkst? Vergiss es, du kannst es! Genauso wie Generationen vor dir. Und du musst ja keine neue Sorte züchten, sondern nur nachbauen. Es gibt ein paar  Grundregeln:

  • Pflanzen mit unscheinbaren Blüten sind meist Selbstbefruchter (Tomaten, Chili). Lass die ersten schönen Früchte reifen und nimm die Samen.
  • Pflanzen mit auffälligen, großen Blüten wie Kürbis brauchen eine Handbestäubung. Mehrere Pflanzen sind notwendig.
  • Bei Pflanzen die beerntet werden müssen, um Ertrag zu liefern, wie Bohnen, wählst du eine ganze Pflanze zur Vermehrung aus, die du in Ruhe reifen lässt.
  • Bei Pflanzen, die zum Schiessen neigen wie Salat, nicht die früh geschossenen vermehren, sondern die schönste und stärkste Pflanzen stehen lassen.
  • Lass die Samen immer gut an der Pflanze reifen
  • Ernte nur trockene Samen (ausser Tomaten)

Die meisten Samen halten ein paar Jahre, wenn man sie trocken aufbewahrt:

  • Kohl, Gurke, Kürbis, Mangold, Melone, Paprika und Tomate bleiben mehr als 5 Jahre keimfähig.
  • Hülsenfrüchte, Radieschen, Sellerie, Spinat und Salat kommen noch nach 4-5 Jahren.
  • Möhren, Fenchel und Mais sind 2-3 Jahre keimfähig
  • Knoblauch, Lauch, Pastinake, Schwarzwurzel und Zwiebelgewächse so bald wie möglich aussähen oder tiefgekühlt lagern.

Auch wenn man als Gärtner immernoch dazu lernen kann, lohnt sich manchmal auch das Ausprobieren. Kohl lasse ich gerne mal stehen, weil die Bienen und ich die Blüten so schön finden. Oft sind das ja auch Zeiten, wo sonst nicht viel blüht. Nimm dir ein oder zwei Sorten, die du selbst vermehren willst und lies was darüber. Tomaten, Chili und Hülsenfrüchte sind am einfachsten für den Anfang als Selbstversorger und es verleiht dir einen Hauch von Autonomie. Wir sind viel unabhängiger von der Industrie, als die uns glauben machen will.

… und im nächsten Jahr tauschen wir! Tauschbörsen machen alle glücklich und kosten nix.

PS: Für Blumensamen gilt gesagte natürlich auch. Hier kann man das meiste einfach aussamen lassen. Wenn der Boden oder das Klima sich ändern, kann es sein, dass eine jahrelang treue Art verschwindet und statt dessen andere Pflanzen den Platz einnehmen. So ist das Leben.

 

 

 

  • Saatguthandel
    • Bingenheimer Super gute und informative Webseite.
    • Bio-Saatgut Für den engagierten Hobbygärtner. Interessante Mischkulturpakete. Gabi Krautkrämer kümmert sich auch um Bestellung, die nicht über den Onlineshop abgewicklt werden. Wenn doch, kann man aber bar zahlen zB. bei DM, REWE, …
    • Dreschflegel Shop Verbund kleiner Vermehrerbetriebe
    • Irinas Tomaten Saatgut, Geschichten und Rezept nicht nur für Tomaten
    • KEIMZELLE Öko-Saatgut aus Brandenburg
    • Saatgut Vielfalt 1000 Sorten, von bewährtem bis zu Raritäten im Staudensaatgut
    • SaatGut-Erhalter-Netzwerk-Ost
    • Samenbau Nordost Bio-Saatgut aus Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen
    • Tauschbörse
    • VERN e.V. VERN e.V. ist ein Verein zur Erhaltung und Renaturierung von Nutzpflanzen. In Greiffenberg wird in Tunneln und im Freiland vermehrt was das Zeug halt. Interessiert können an Saatgutkursen teilnehmen. Nett und lohnenswert! Bestellt wird noch per Email oder

1 Kommentar

  • Hallo Bettina,
    habe dich heute im Gartenfreund entdeckt und fand das sehr sympatisch was da von dir zu deinen Gartenansichten wiedergegeben wurde. Und dann blogst du auch noch, da musste ich doch gleich mal gucken. Ich bin ja ganz entzückt von deinem Lehm-Fachwerkhaus! Zeig doch mal mehr davon.
    Habe in deinem Impressum auch gesehen, dass du dich gerne mit anderen Stadtgärtner connecten möchtest, deshalb lasse ich dir einen Link zu meinem Blog da. Schau mal rein, ich denk es könnte auf deiner Wellenlänge sein. Mein Steckenpferd sind übrigens auch Tomaten:-D

    lg sas

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